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Dank Digitalisierung in den Bergen leben und arbeiten

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Intro

Zwei Drittel der Fläche der Schweiz sind Berggebiete. Die meisten Bergregionen haben mit Abwanderung zu kämpfen, denn es fehlen Arbeitsstellen. Könnte die digitale Revolution die Rettung sein? Wir haben Personen besucht, die dank moderner Infrastruktur in den Bergen leben und arbeiten können.


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Ferien bei meinem Onkel auf der Alp in den 1980er-Jahren
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Meine Familie stammt aus den schweizerischen Bergen. Aufgewachsen bin ich aber mitten in Zürich, nahe dem Opernhaus. Das klingt glamourös.

Doch das Zürcher Stadtleben in den 1980er-Jahren war wenig glanzvoll. Spielplätze und Parks wurden von Familien gemieden, aus Angst, der Nachwuchs träte in eine HIV-infizierte Spritze.









Ferien bei meinem Onkel auf der Alp in den 1980er-Jahren
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Meine Mutter sammelte jeden Morgen benutzte Kondome von Prostituierten und Drogen-Utensilien wie Spritzen und Löffelchen auf der Aussentreppe ein, bevor sie mit uns das Haus verliess. Die offene Drogenszene brachte die Schweiz in die internationalen Schlagzeilen und führte zu Stadtflucht: Wer konnte, zog aufs Land.

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Die Autorin auf der Alp, 1985.
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In krassem Kontrast zu diesem Leben in Zürich standen unsere Ferien in den Alpen. Zum Beispiel in dieser Alphütte in den Freiburger Voralpen, wo mein Onkel 1985 als Senn arbeitete (siehe Bilder).

Wir zelteten im Freien, buken Schlangenbrot über dem Feuer, wanderten durch die Bergwildnis, assen bei Verwandten auf der Alp selbstgemachten Käse, badeten im eiskalten Brunnenwasser oder glasklaren Bergseen, spielten in einem autofreien und halbverfallenen Weiler zwischen Steinhausruinen Verstecken. Kurz: Die Berge standen für mich für Idylle, Natur, Gemeinschaft und Freiheit.

Doch ich bemerkte durchaus die Schattenseiten des Berglebens: Während ich quasi vor der Haustür das Gymnasium besuchen und studieren konnte, mussten meine Cousins und Cousinen aus dem Puschlav und dem Tessin schon früh ihr Zuhause verlassen und Ausbildung oder Studium in einer Fremdsprache absolvieren. Später kehrten nur wenige zurück.

Die Autorin auf der Alp, 1985.
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Heute sind Schweizer Städte für Familien lebenswerter und attraktiver geworden. Drogen sind kaum sichtbar, es gibt saubere Parkanlagen und trendige Treffpunkte; die Lebensqualität ist hoch, die Kriminalität tief.

Doch wenn der Hochnebel das Mittelland im Winterhalbjahr über Wochen in eine bedrückende Landschaft verwandelt, und ich aus dem Wetterbericht von Sonnenschein in den Bergen erfahre, wenn mich das Gedrängel in Tram und Bus nervt und ich den Verkehrslärm kaum ertrage, dann schleicht sich der Gedanke in meinen Kopf, warum ich nicht am schönsten Ort der Schweiz wohne: in den Alpen.

Wie viele Schweizer und Schweizerinnen träume ich insgeheim von einem Leben in den Bergen. Aber es ist schwer, dort eine passende Arbeitsstelle zu finden. Die Berggebiete leben hauptsächlich von Landwirtschaft, Tourismus und Wasserkraft – nicht meine Spezialgebiete.

Doch die Digitalisierung krempelt derzeit unsere ganze Arbeitswelt um. Dank Internet, Skype und Co. kann man von überall auf der Welt arbeiten. Wir haben Personen besucht, die schon heute beweisen, dass ein Leben und Arbeiten in den Bergen dank Digitalisierung und moderner Infrastruktur möglich ist.








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Porträts

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Co-Working als Rettung?

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Die Berggebiete setzen grosse Hoffnungen in die Digitalisierung. Sie versuchen, mit Apps für Touristen, digitalen Plattformen und Glasfasernetzausbau die neuen Technologien für sich zu nutzen. Viele Bergdörfer eröffnen zudem Co-Working-Spaces und hoffen auf Kundschaft aus dem Unterland. Allen voran die Standortinitiative Mia Engiadina

Ist Co-Working die Rettung für Berggebiete? Unser Video-Journalist und ich machen einen Selbstversuch und besuchen das Co-Working-Space von Mia Engiadina in Scuol.

Auf der Website preist Mia Engiadina ein Paket an: Ab 60 Franken gibt es eine Übernachtung, Eintritt ins Co-Working-Space sowie Zwischenverpflegung mit lokalen Spezialitäten. Das klingt ansprechend. Ich klicke das Angebot an.

Sofort kommt eine nette Reaktion per Mail, in der man mir verspricht, Abklärungen zu treffen. Einige Tage später erhalte ich erneut eine Mail: "Wir haben versucht, eine passende Unterkunft zu finden. Da das gewünschte Datum in der Zwischensaison liegt, ist dies nur bedingt möglich. Eine Möglichkeit bietet das Hotel Gabriel in Scuol, liegt aber preislich halt über Ihrer genannten Präferenz."

Sprich: Wir müssten 140 Franken pro Nacht hinblättern. Das übersteigt das Spesen-Budget von swissinfo.ch.

Der freundliche Herr von Mia Engiadina empfiehlt uns: "Am einfachsten für diese Zeit ist, wenn Sie über AirBnb eine Ferienwohnung suchen" und verbleibt mit Cordials salüds da Scuol (das bedeutet "herzliche Grüsse aus Scuol" auf Rätoromanisch, der vierten Schweizer Landessprache).

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Wir buchen schliesslich selbständig für 80 Franken ein Hotel und fahren mit dem roten Züglein der Rhätischen Bahn in die Berge. Der Eintritt ins Co-Working-Space kostet 20 Franken für einen Tag pro Person. Kaffee und Getränke sind inbegriffen.

Als wir eintreten, riecht es nach Holz. Die Räumlichkeiten sind chic eingerichtet: Die Möbel sind aus hellem Arvenholz, dekoriert mit rotkarierten Kissen, Fellen und Kerzen. Man soll offenbar erkennen, dass es ein Engadiner Co-Working-Space ist. Es hat ein Sitzungszimmer, eine Telefonkabine und einen Schaukelstuhl.


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Es ist auffallend ruhig hier oben. Die Stimmung erinnert mich an meine Studienzeiten, als ich in der Bibliothek lernte.

Wir erhalten den Eindruck, Mia Engiadina habe an diesem Tag sein gesamtes Personal in das Co-Workingspace beordert. Damit wir nicht etwa den Eindruck gewinnen, Mountain Co-Working sei nicht beliebt.

Einige Männer im Rentenalter mit Laptops sind wohl echte Gäste. Ich belausche ein Telefongespräch. Er sei jetzt dann zwei Wochen in den Ferien, sagt der Mann, und übergibt die laufenden Geschäfte telefonisch an seine Mitarbeiter.


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Aus Platzgründen zieht das Co-Working in Kürze an einen neuen Standort. "Wir sind vom Interesse positiv überrascht worden", sagt Chasper Cadonau, der bei Mia Engiadina für Co-Working-Spaces zuständig ist.

Zielgruppen des Mountain Co-Working sind Touristen, Zweitwohnungsbesitzer und Firmen, die ganze Gruppen von Mitarbeitenden für Projektarbeiten in die Berge schicken. "Für Letztere gibt es Paketlösungen mit gemeinsamen Wanderungen, Degustationen und Ähnlichem."

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Der Architekt Chasper Cadonau ist selbst ein Rückkehrer und erzählt seine Geschichte.

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Fazit unseres Selbstversuches: Mountain Co-Working ist tatsächlich etwas Spezielles. Unser Video-Journalist und ich waren produktiv. Am liebsten würden wir immer so arbeiten: in der Stille, mit Blick auf Berghänge.

Dennoch werden wir nicht so schnell wiederkommen. Wir haben Arbeit und Familie im "Unterland", wie die Bergler das Schweizer Flachland nennen. Wir können nicht für ein paar Wochen aus dem Büro verschwinden. So wie uns geht es vielen Schweizerinnen und Schweizern.

Deshalb kann Mountain Co-Working die Berggebiete nur breiträumig beleben, wenn in der Schweizer Arbeitswelt ein tiefgreifender Wandel stattfindet und ortsunabhängiges Arbeiten von der Ausnahme zur Regel wird.






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Tipps und Ratschläge

Noch wage ich den Schritt nicht, in die Berge zu ziehen. Aber ich habe diejenigen, die es getan haben, nach Tipps und Ratschlägen gefragt.

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In den Gesprächen zeigte sich: Gute Chancen, sich in den Bergen eine Lebensgrundlage aufbauen zu können, haben nicht etwa Generalisten. Sondern man sollte sich in einer Nische spezialisieren und sogar selbständig machen.

Und: Obwohl die Digitalisierung eine anonyme Partizipation am Arbeitsleben via digitale Plattformen ermöglicht, bewährt sich offenbar ein persönliches Beziehungsnetz. Dieses verhilft zu lukrativeren Aufträgen als das von Gewerkschaften als prekär kritisierte Clickworking. Fast alle Porträtierten sagten: "Man muss Netzwerken." Und dafür solle man ab und zu physisch in die städtischen Zentren fahren – was in der kleinen Schweiz mit der gut ausgebauten Verkehrsinfrastruktur kein Problem ist.

Was ebenfalls alle sagten: Man muss einfach den Mut haben, es auszuprobieren! "Mach es einfach", sagte mir Martin Hoch. "Du hast nichts verloren, wenn du nach einem Jahr zurückgehst."

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Fazit

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Leben in den Schweizer Bergen hat viele Vorteile: Unberührte Natur, viel Sonne, eine hohe Lebensqualität, attraktive Freizeitangebote und niedrige Lebenshaltungskosten.

Dennoch drängen sich die meisten Schweizer und Schweizerinnen in den Zentren des Mittellandes – nach der Stadtflucht bis in die 1990er-Jahre ist heute von Landflucht respektive Bergflucht die Rede.

Die Magnetwirkung der Städte lässt sich mit dem Stellenangebot erklären. Doch die Digitalisierung bietet die Chance, ortsungebunden zu arbeiten.

Die Schweiz bietet ideale Voraussetzungen: Die Wege in die städtischen Zentren sind kurz, und die Infrastruktur ist auch in den Bergen hervorragend ausgebaut, seien es Eisenbahn, Strassen, Breitband, 4G oder seit neuestem 5G.

Unsere Porträts zeigen: Es ist – je nach Beruf – bereits heute möglich, in den Bergen zu arbeiten. 

Packe ich jetzt meine Sachen und ziehe in die Alpen?

Ganz so einfach ist es nicht. In zahlreichen Gesprächen mit Expertinnen, Politikern und Wissenschaftlerinnen zeigt sich nämlich, dass die Arbeitswelt noch nicht so weit ist.

"Bei Telearbeit stecken wir in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. Alle reden davon, aber machen tun es wenige", sagt beispielsweise Bundesparlamentarier Martin Candinas, der sich für die Berggebiete einsetzt.

Lorenz Ramseyer vom Verein digitalenomaden.ch erzählt, dass Schweizer Firmen im Vergleich zu ausländischen eher zurückhaltend gegenüber ortsunabhängigem Arbeiten seien: "Wir spüren, dass in unserer Präsenzkultur die Ängste vieler Firmen gross sind. Besonders wenn es um echte 100%-Remote-Stellen geht."

Als weiterer Bremsklotz erweist sich eine helvetische Eigenart, die mich zwar stört, von der ich selbst aber nicht frei bin: Die Skepsis gegenüber Neuem. Lieber warte ich ab, ob sich die digitale Remote-Arbeit bei anderen bewährt, um dann nachzuziehen. Statt selbst ein Risiko einzugehen.

Dieses Misstrauen gegenüber Neuem ist in der Schweiz allgemein feststellbar. Mit der 5G-Technologie beispielsweise können die abgelegensten Alpen und Weiler eine Internetverbindung haben, ohne teure Kabel verlegen zu müssen. Doch in der Schweiz stösst die neue Technologie auf erbitterten Widerstand.

Es besteht deshalb die Gefahr, dass die Schweiz kollektiv – aber auch Schweizerinnen und Schweizer individuell – die Chancen der Digitalisierung verschläft. Und dabei eine Möglichkeit verpasst, der Abwanderung aus den Berggebieten entgegenzuwirken.










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Sie haben es gewagt

Der Dokumentarfilmer Reto Caduff und die Journalistin Simone Ott lebten fast 20 Jahre in amerikanischen Metropolen. Dann zogen sie in ein 500-Seelen-Dorf im Glarnerland.

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Auf einer Hochebene über dem Walensee liegt eine Streusiedlung, Filzbach. Am Anfang des Dorfes steht am Rande des Plateaus ein riesiges Haus. Die Aussicht auf den See ist spektakulär. Hier wohnen Simone Ott und Reto Caduff.

Das Ehepaar lebte fast zwanzig Jahre in den USA, Reto zuerst in New York, anschliessend gemeinsam mit Simone in Los Angeles. In der Schweiz suchten Reto Caduff und Simone Ott eigentlich eine Ferienwohnung für gelegentliche Übernachtungen – gefunden haben sie dieses Haus, das von einem Künstler in den 1910er-Jahren als Atelier erbaut wurde. Für den Preis dieses Hauses hier hätten sie in Zürich nicht mal eine 3-Zimmerwohnung bekommen.

Das Haus gefiel ihnen so ausgezeichnet, dass sie gänzlich in die Schweiz zurückzogen. Das war aber nicht der einzige Grund für die Rückkehr in die Heimat. "Die Schweiz ist für den Mittelstand attraktiver als die USA", erklärt Ott. "Hier sitzt der Sohn der Putzfrau in der Schule neben der Tochter eines Bankdirektors. In den USA geht die Schere zwischen reich und arm immer weiter auseinander. Ich konnte mir nicht vorstellen, dort alt zu werden."

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Das Haus von Reto Caduff und Simone Ott wurde in den 1910er-Jahren von einem Künstler als Atelier erbaut.
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Die Digitalisierung spielte beim Entscheid eine grosse Rolle, da diese ein ortsunabhängiges Arbeiten ermöglicht: Simone Ott arbeitet von zu Hause aus im Online-Marketing. Reto Caduff ist Dokumentarfilmer und führt einen Fotobuch-Verlag.

"Ich arbeite mit modernen Hilfsmitteln wie Skype, WhatsApp, Vimeo – so dass man gemeinsam Sachen anschauen und besprechen kann", sagt Caduff. "Mein Büro in Zürich habe ich aufgegeben. Ich arbeite jetzt von hier aus." Ab und zu fährt er für ein Meeting in die Stadt. Das dauert etwa eine Stunde und zehn Minuten. "Wir witzeln immer: Wir haben weniger lang von hier nach Zürich als wir in Los Angeles an den Strand hatten."

Das meiste macht Caduff von zu Hause aus. Manchmal kommen Mitarbeiter zu ihm nach Filzbach. "Beim Filmen muss man vor Ort gehen. Aber die Vorbereitung kann man gut hier oben machen. Wir haben sogar schon Filme hier geschnitten. Oder Fotos im Wohnzimmer ausgelegt für die Edition eines Buches. Das ist angenehm: Weg vom Trubel arbeitet man konzentrierter als in der Stadt, wo man über Mittag rausgeht und jemanden trifft – und plötzlich ist es halb drei", sagt Caduff und lacht.



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Auch privat vereinfachte die Digitalisierung den Umzug: "Social Media und Skype machen es leichter, mit unseren Freunden in den USA in Kontakt zu bleiben", sagt Ott. Mit dem iPad lesen sie den New Yorker und andere internationale Medien.

"Neben digitalen Medien ist für mich Online-Shopping wichtig", sagt Ott. "Damit kann ich mir Dinge aus New York, Tokio, Los Angeles, London, Paris, Berlin etc. besorgen. Oder anders ausgedrückt: Ich hole mir die grosse Welt in die Berge."


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Simone Ott bringt uns in Gläsern Quellwasser – dieses fliesst hier direkt aus dem Wasserhahn. Nach unserem Gespräch geht sie mit dem Hund spazieren. Das Leben in den Bergen bietet viele Vorzüge. Warum ziehen nicht mehr Schweizerinnen und Schweizer in die Berge?

"In der Schweiz ist man extrem territorial", erklärt Caduff. "Man bleibt, wo man aufgewachsen ist, oder man zieht nach Bern, Basel oder Zürich." Eine Mobilität wie in den USA gebe es in der Schweiz nicht, die Schweizer und Schweizerinnen seien eher Pendler. "Ich weiss nicht, ob wir hier hinaufgezogen wären, wenn wir nicht in den USA gelebt hätten. Man schaut die Schweiz anders an und sieht die Vorzüge der Berge - das intakte Landschaftsbild, weg von der Zersiedelung des Mittellandes."

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Wie viele Rätoromanen studierte der Klimawissenschaftler Jan Sedlacek im Unterland. Danach arbeitete er mehrere Jahre in Kanada und Zürich und gründete eine Familie. Heute führt er vom Engadin aus eine Firma, die in Zürich zehn Mitarbeiter beschäftigt.
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Christina Sedlacek tischt Engadiner Käse, Wurst, Brot, rohes Gemüse und Melonen auf. Die Kinder im Alter von 12, 10 und 8 Jahren kommen jeden Mittag heim zum Essen – genau wie Vater Jan Sedlacek.

Dieser hat einen 60-sekündigen Arbeitsweg: Er teilt sich mit seinem Vater ein Büro im Elternhaus, das in Sichtweite zur Wohnung liegt.

Das ist aussergewöhnlich. "Die meisten Neuzuzüger pendeln zur Arbeitsstelle. Und von meiner Schulklasse sind bloss vier oder fünf ins Engadin zurückgekehrt", erzählt Sedlacek.

Ebenfalls aussergewöhnlich ist Sedlaceks Herkunft: Sein Vater ist ein Tscheche, der sich in eine Engadinerin verliebt hatte und hierherzog. Er spricht inzwischen Rätoromanisch.

Jan und Christina Sedlacek haben einige Jahre als Forschende in Kanada gearbeitet, später wohnten sie mit den Kindern im Kanton Zürich. Diese Rückkehr war nicht leicht: "Die Winter in Zürich sind schwer zu ertragen, es gibt weniger Licht, mehr Nebel", erzählt Christina. Im Engadin ist es im Winter zwar deutlich kälter, dafür meist sonnig.

In Zürich zu bleiben, wäre aus finanzieller und organisatorischer Sicht einfacher gewesen. Aber die Sedlaceks wollten zurück ins Engadin und überlegten sich, wovon sie leben könnten.


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Jan gründete mit einem Freund aus Zürich eine Firma, die grosse Datenmengen für die Telekom-Industrie analysiert und verarbeitet.
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Die zehn Mitarbeitenden arbeiten in Zürich, Sedlacek in Sent. Etwa alle anderthalb bis zwei Wochen fährt er für einen Tag nach Zürich für Besprechungen. Den Rest klären sie per Skype.

Die Infrastruktur im Engadin ist gut. Die Sedlaceks brauchen nicht mal ein Auto. In Sent gibt es mehrere Lebensmittelläden und die nächste grössere Ortschaft Scuol ist mit dem Bus in 15 Minuten erreichbar. Nur etwas fehlt: "Glasfaser-Internet wäre super", sagt Jan, der auf schnelles Internet angewiesen ist.

Durch Datenanalyse, Messungen und Vorhersagen berechnet Jan für internationale Grosskunden, welche Geräte ein Problem haben könnten. Seine Firma ist so hoch spezialisiert, dass sie trotz hohem Schweizer Lohnniveau global konkurrenzfähig ist. Die Firma läuft gut, schon im Gründungsjahr 2016 machte sie Gewinn.

Christina fand nach kurzer Zeit eine Stelle als Biologie-Lehrerin an der Academia Engiadina in Samedan. "Hier oben gibt es fast keine Familien, in der die Frau nicht arbeitet", erzählt Jan. "Die Leute arbeiten viel, aber sie sind nicht gestresst."

In der Schweiz arbeite man mehr als in Kanada, und in Zürich definiere man sich stark über die Arbeit. "Hier oben ist es viel entspannter als im Unterland", sagt Sedlacek. "Fast wie in Kanada."


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Jan Sedlacek: "Das Dorf ist wie ein grosser Spielplatz. Man kann sich darauf verlassen, dass schon irgendjemand auf die Kinder schaut."


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Über Mittag schnell Skifahren gehen und am Nachmittag weiterarbeiten – das ist in Sent möglich. Die Sedlaceks können mit den Skiern bis vor die Haustür fahren.

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Andrea Koch ist leidenschaftliche Bergsteigerin und Skitourenfahrerin. Dank eines Tunnels kann sie in den Walliser Bergen wohnen und für die Arbeit nach Bern pendeln. Ausschlaggebend für den Umzug war allerdings etwas anderes.
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Andrea Koch und ihr Lebenspartner sind wegen ihrer Liebe zu den Bergen und der Freizeitmöglichkeiten ins Wallis gezogen. Ihre Hobbies sind Skitouren, Wandern und Bergsteigen. Früher mussten sie mit Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln in die Berge fahren. "Heute gehe ich direkt von zu Hause in alle Richtungen wandern, Schneeschuhlaufen oder Skitourenfahren am Hausberg."

Dank des Lötschberg-Basistunnels, der seit 2007 die Reise vom Wallis nach Bern deutlich verkürzt, kann Andrea Koch von den Bergen in die Stadt pendeln. Dort arbeitet sie als Agrarwirtschaftliche Mitarbeiterin bei der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Berggebiete (SAB).

Doch das sind nur die notwendigen Voraussetzungen. Den Ausschlag zum Umzug gab etwas anderes: "Wir haben zufälligerweise eine günstige Wohnung ausgeschrieben gesehen", erzählt Koch. "Wir wären nicht auf diese Idee gekommen, wenn nicht ein Immobilienmakler sehr gekonnt auf verschiedenen digitalen Kanälen kommuniziert hätte, denn wir waren eigentlich nicht auf Wohnungssuche."
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Ohne Digitalisierung hätten sie sich den Umzug nicht vorstellen können. Den eineinhalbstündigen Arbeitsweg nimmt Koch nur auf sich, weil sie im Zug Mails bearbeiten, Tourenplanungen fürs Wochenende machen und andere zeitintensive Aktivitäten am Laptop machen kann.

Die Digitalisierung hat die Integration im Bergdorf erleichtert. Es gibt zum Beispiel verschiedene von  Dorfvereinen gestellte Whatsapp-Gruppen, mit der die Bergbewohner Informationen austauschen, Dorf-Feste und Freiwilligenarbeit organisieren. "Die Hürde, etwas über Whatsapp zu schreiben ist kleiner, es fliessen mehr Informationen, als wenn alles per Post oder Telefon funktionieren würde", sagt Koch.

Als Neuzuzüger informieren sie sich häufig auf der Website der Gemeinde und in den Sozialen Netzwerken. "Dort erfahren wir und die Dorfbewohner etwas voneinander, was man sonst nicht erfahren hätte, das schafft Vertrauen."

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Per Whatsapp organisieren sich Nachbarn zum gemeinsamen Pflügen der Gärten.

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Tipps

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Der Reisejournalist Martin Hoch und seine Frau Sara stammen aus Basel. Acht Jahre reisten sie um die Welt. Dann kehrten sie in die Schweiz zurück. Sie fragten sich: Wo ist es am schönsten? Und zogen in die Surselva im Kanton Graubünden.
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Der 38-jährige Reisejournalist und Blogger machte sich selbständig. In Flims betreibt er eine Galerie.

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Martin und Sara Hoch haben die Welt gesehen: Während acht Jahren zogen sie von Ort zu Ort, arbeiteten als Tauchlehrer, bauten ein Gästehaus um, schliefen auf dem Segelschiff oder im umgebauten VW-Bus. Jeweils für wenige Monate kehrten sie in die Schweiz zurück, um bei Roche und Novartis Geld zu verdienen. Dann hiess es wieder: auf und davon.

In den Ländern, in denen sie wohnten, fiel ihnen auf, dass die Einheimischen nicht an den schönsten Orten des Landes wohnen. Statt am Meer oder auf einem pittoresken Hügel leben sie in grauen Vorstädten oder verschmutzten Industriegebieten. "Viele, weil sie keine andere Wahl haben", so Hoch. Doch als Schweizer, sagten sie sich, hat man diese Wahl durchaus.


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So stellten sie sich bei der Rückkehr in die Schweiz die Frage: Wohin ziehen wir, wo ist es in der Schweiz am schönsten?

Sie sagten sich: In den Bergen!

Nur eine Frage stellte sich: Wovon leben wir?

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Martin Hoch machte sich mit einem Reise-Blog selbstständig. Weil das nicht reicht, schreibt er zusätzlich für verschiedene Medien als Freelance-Journalist über Reisethemen.

Für diese Reportagen ist er häufig mit einem befreundeten Fotografen unterwegs, Nico Schaerer, den er auf einer Reise in Südamerika kennengelernt hat. Gemeinsam entdeckten sie eine Nische: Die besten Fotografien vermarkten sie als grossformatige Fine Art Prints über eine Online-Galerie und zwei Standorte in Flims und Zürich.

Martin und Nico verwenden verschiedene Materialien: Sie drucken die Fotografien zum Beispiel auf Baumwollpapier in Museumsqualität oder auf Acrylglas. Die riesigen Bilder – das bisher Grösste mass 14 Meter – verkaufen sie sowohl an Privat- als auch Geschäftskunden.

Die Galerie ist ein Erfolg und wächst. Martin Hoch bekommt zurzeit viele Aufträge. Seine Frau Sara wollte sich ursprünglich als Webentwicklerin selbstständig machen, wechselte dann jedoch in den Tourismus und beginnt demnächst ein Studium als Umwelt-Ingenieurin.

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Ob mit dem eigenen Auto oder mit ÖV: Die Fahrt von Flims nach Zürich dauert weniger als zwei Stunden.
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Möglich ist diese Freelance-Existenz in den Bergen dank Digitalisierung: "Ich kann von überall her meine Produkte produzieren und verschicken", sagt Hoch. Seien es Artikel, Bilder oder die Gestaltung einzelner Ausgaben des Magazins für Reisekultur Transhelvetica in der Rolle als Chefredaktor.

Im Vergleich zu Basel, wo Martin und Sara früher gelebt haben, sind die Lebenshaltungskosten in Laax günstiger: "Wir zahlen massiv weniger Steuern und Krankenkassenprämien", sagt Hoch. Man konsumiere zudem weniger hier oben in den Bergen, weil man nicht wie in der Stadt dauernd etwas kaufe oder auswärts Kaffee trinke.

Weil Laax eine Touristendestination ist, sind die Mieten nicht billig. Die beiden lösten das Problem durch den Kauf einer Eigentumswohnung, was bei den derzeit niedrigen Hypothekarzinsen die Lebenshaltungskosten senkt. "Anfänglich hatten wir nur die Hälfte des Einkommens, das wir früher in Basel erzielten, und dennoch blieb uns nach Abzug der Kosten etwa dasselbe", so Hoch.

Auf die Frage, was es für das Arbeiten in den Bergen benötigt, sagt Hoch: "Es ist eine Mischung von technischen Möglichkeiten und Partnern, die sich auf eine moderne, ortsunabhängige Zusammenarbeit einlassen." Bei Schweizer Arbeitgebern sei die Offenheit klein im Vergleich zu dem, was möglich wäre. "Es ist so simpel: Oft braucht man bloss ein Telefon und E-Mail."

Was in der Schweiz erleichternd dazukommt: Die Distanzen in die Zentren sind kurz. "Man ist schnell für einen Tag in Zürich." Es sind keine zwei Autostunden.

Wenn Martin Hoch mit Freunden aus dem Unterland spricht, hört er häufig Bedenken. Doch er findet: "Man muss sich fragen, was einem wichtiger ist: Der perfekte Job oder ein Umfeld, in dem man sich wohl fühlt."

Martin und Sara haben die Antwort für sich gefunden. "Die Lebensqualität ist ungeheuer hoch hier oben in den Bergen", sagt Martin. "Momentan möchte ich hier nicht weg."
Ob mit dem eigenen Auto oder mit ÖV: Die Fahrt von Flims nach Zürich dauert weniger als zwei Stunden.
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"Ich gehe mit unserem Hund täglich zwei oder drei Stunden spazieren und nutze die Bergbahnen und Wanderwege." Das Wellnessangebot der Fünfsternehotels nutzt Martin Hoch ebenfalls gerne.
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"Die Einheimischen sind supernett. Aber wir haben nicht so viele Berührungspunkte mit ihnen. Wir führen eine Art Expat-Leben im eigenen Land. Ein Grossteil meines Umfelds stammt aus Basel, Zürich oder aus dem Ausland."
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Die Baselbieterin Sandra Schneider fuhr 1973 mit ihren Eltern nach Ernen im Wallis in die Ferien. Als Erwachsene kehrte sie wieder dorthin zurück und kaufte sich ein Ferienhaus. 2017 gründete sie in Ernen ein Unternehmen, welches international tätige Gesellschaften bei der Umsetzung der Mehrwertsteuer-Vorgaben auf ihren EDV-Systemen unterstützt.
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Wir besuchen Sandra Schneider an einem sonnigen Frühlingstag. Die Kirschbäume blühen. Eine leichte Brise fährt durch die hoch gewachsenen Blumenwiesen rund um Ernen.

Wir wandern aus dem Dorf hinaus auf den Galgenhügel. Dieser verdankt seinen Namen der bis heute erhaltenen Hinrichtungsstätte, wo 1764 das letzte Todesurteil vollstreckt wurde.
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Der Galgen in Ernen ist von weither sichtbar. Es handelt sich um den einzigen Galgen in der Schweiz mit drei erhaltenen Originalsäulen, wenn auch ohne Verbindungsbalken. Ein Dorfrundgang mit Sandra Schneider.

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Sandra Schneider weiss, dass in der Nähe des Galgens Thymian wächst. Im Frühjahr pflückt sie diesen, trocknet ihn und verwendet ihn als Gewürz für Fleisch. Am Wochenende besucht sie einen Kräuterkurs. Sie wird Kräuter sammeln und damit kochen. Der "Gute Heinrich" beispielsweise kann man in den Brotteig kneten, das gibt Alpenkräuterbrot. "Sowas kann man nur hier in den Bergen machen", schwärmt sie.

Sie geniesst auch andere alpine Freizeitaktivitäten wie Langlaufen, Skifahren und Wandern. Als Selbständige hat sie den Vorteil, am Sonntag arbeiten und dafür an einem Wochentag Skifahren zu können, wenn weniger Leute auf der Piste sind.
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Es ist ruhig in Ernen. Man hört nur Kuhglocken, Grillen und das Plätschern des Brunnens.

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Sandra Schneider und ihr Lebenspartner haben sich in Ernen ein Chalet gekauft. Seit der Lebenspartner pensioniert ist, verbringen sie mehrere Wochen am Stück in den Bergen. Und: Hier hat Sandra Schneider ihr Unternehmen gegründet, das andere Unternehmen bei internationalen Transaktionen bezüglich Mehrwertsteuer berät.

Ein Firmensitz in Ernen ist steuerlich attraktiver als in Basel-Land. Zudem sei in Ernen alles viel unkomplizierter und pragmatischer, sagt Schneider.

Sie erhält viele Aufträge. Meist von Leuten, die Schneider aus ihrer früheren Berufszeit als Beraterin bei einer grossen Revisionsgesellschaft und anderen Grossfirmen kennt. "In der Schweiz beauftragt man gerne Leute, die man schon kennt, wo das Vertrauen da ist", erklärt sie.

Die absolute Spezialisierung hat sich bei ihr als Sprungbrett erwiesen. Die Firmen beauftragen lieber extern, als jemanden innerhalb des Betriebs so extrem zu spezialisieren. Laut Schneider hat man am meisten Chancen, wenn man sich lokales Knowhow aneignet und sich darauf spezialisiert. Denn die Digitalisierung bringe es mit sich, dass generell auch eine Inderin oder Singapurerin die gleiche Arbeit machen könne.

Eine Kombination aus Pendeln und Tele-Arbeit sei ein Modell der Zukunft und biete die Chance, in die Berge zu ziehen, findet Schneider. Solche Arbeitsplätze werden sich ihrer Meinung nach langfristig in der Schweizer Arbeitswelt durchsetzen.

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